Historische Chance für die Weltmeere: Ein Plan für ein Netz an Schutzgebieten

Vom Weltraum aus sieht man es deutlich: Der größte Teil der Erde sind Ozeane. Sie machen fast drei Viertel der Erdoberfläche aus. Rechnet man die Wassertiefe mit ein, stellen die Weltmeere sogar 90 Prozent des gesamten Lebensraumes auf unserem Planeten. Besonders schutzbedürftig ist die so genannte Hohe See, also das Gebiet außerhalb der nationalen 200-Meilen-Zonen. Sie ist von immenser Bedeutung für die Artenvielfalt unserer Weltmeere und für unser Klima. Wale, Delfine und Schildkröten durchstreifen diesen Lebensraum über Tausende von Kilometern, in der Tiefe tummeln sich wundersame Lebewesen, von denen wir viele Arten noch gar nicht kennen. Doch dieses Paradies unter Wasser ist bedroht: Durch industrielle Fischerei, Gifteintrag und Tiefseebergbau stehen viele Arten unter großem Druck. Rund 90 Prozent der weltweiten Fischbestände sind bis an die Grenze genutzt oder überfischt. Jetzt gibt es eine historische Chance, diesen Raubbau an der Natur aufzuhalten: Die Vereinten Nationen verhandeln über ein globales Abkommen zum Schutz der Hohen See. Doch damit dabei ein wirklich effektives Abkommen herauskommt, braucht es Öffentlichkeit, politischen Druck – und Expertise.

Unterwasser Aufnahme von gefangenen Bluefin Thunfischen in einem Transportkäfig.
Gefangener Bluefin Thunfisch in einem Transportkäfig. Greenpeace fordert die Länder des Mittelmeers auf, den Bluefin Thunfisch in ihren Brut- und Futtergebieten durch Schutzgebiete zu bewahren. Foto © Gavin Newman / Greenpeace

Deshalb legte Greenpeace zur zweiten Verhandlungsrunde 2019 in New York gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten York, Edinburgh und Oxford einen Plan für ein weltweites Netz von Meeresschutzgebieten vor. Das Ziel: Bis 2030 insgesamt 30 Prozent der Weltmeere unter Schutz zu stellen. Die Umweltstiftung Greenpeace hat diesen wichtigen, visionären Report finanziert.

Jeder zweite Atemzug stammt aus dem Meer

Vom winzigen Plankton bis zum größten Wal beherbergt die Hohe See eine unglaubliche Vielfalt an Lebewesen. Sie bietet Millionen von Menschen Nahrung und versorgt uns mit Sauerstoff – jeder zweite Atemzug stammt aus dem Meer. Die Weltmeere spielen auch eine wichtige Rolle, um unser Klima zu regulieren. Sie nehmen große Teile des Kohlendioxids und nahezu die gesamte zusätzliche Wärme auf. Und doch ist dieses immens wichtige Gebiet kaum geschützt: Bisher gibt es kein globales Regelwerk zur Errichtung, Verwaltung und Durchsetzung von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See. Das geltende Seerecht konzentriert sich eher darauf, wie man die Ozeane ausbeuten kann.

2018 begannen die Vereinten Nationen mit offiziellen Verhandlungen über einen internationalen Vertrag, der den „Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt außerhalb nationaler Hoheitsgewässer“ sicherstellt. 2020 soll das neue globale Schutzabkommen vorliegen. Doch einige Länder wollen ein eher schwaches Abkommen, das praktisch keinen Effekt hätte. Deshalb begleiten Greenpeace und viele andere Organisationen die Verhandlungen intensiv und kämpfen dafür, dass das Abkommen wirklich zu einem besseren Schutz führt.

Welche Gebiete sind besonders bedeutsam?

Dabei spielt die Einrichtung neuer Meeresschutzgebiete eine zentrale Rolle: Sie sind wichtige Rückzugsräume für die Flora und Fauna im Meer, sie erhalten und fördern die Artenvielfalt und sie machen die Ozeane dadurch widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels. Das funktioniert aber nur, wenn sie vor direkten menschlichen Eingriffen geschützt sind. Deshalb fordern Wissenschaftler, bis 2030 mindestens 30 Prozent unserer Ozeane unter Schutz zu stellen. Um dieser Forderung Gehör zu verschaffen, hat Greenpeace den Report „30x30: Ein Greenpeace-Plan für Meeresschutzgebiete“ initiiert. Die Unterstützung der Greenpeace Umweltstiftung machte es möglich: Gemeinsam mit Wissenschaftlern erarbeitete Greenpeace eine Karte mit einem weltumspannenden Netz von Schutzgebieten, vom Nordpol bis zum Südpol. Sie benennt diejenigen Gebiete, die besonders entscheidend sind. Wenn sich die Natur dort erholen könnte von den Belastungen, die der Mensch ihr aufbürdet, wäre viel gewonnen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines solchen weltweiten Netzes von Schutzgebieten wären überschaubar – auch das zeigen die Berechnungen der Wissenschaftler. So müsste nur 20 bis 30 Prozent des aktuellen Fischfangs verlagert werden. Solche Fakten sind enorm wichtig, denn sie helfen bei den Verhandlungen, Gegner eines wirksamen Abkommens zu überzeugen.

Anfang April 2019 stellte Greenpeace den Report in New York vor, bei der zweiten Verhandlungsrunde der UN zum Hochseeschutzabkommen. Das Interesse war groß – weltweit berichteten die Medien über die Vision. Nun geht es darum, sie auch durchzusetzen und gegen industrielle Gewinninteressen zu verteidigen. Dafür startete Greenpeace im Frühjahr 2019 eine große Schiffsexpedition mit der „Arctic Sunrise“ und der „Esperanza“. Von der Arktis bis zur Antarktis fuhren die Umweltschützer fast ein Jahr lang in jene Gebiete, in denen die Hohe See unter Druck steht und Schutz braucht. Mit an Bord war ein Team aus renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die gemeinsam mit der Greenpeace-Crew ein aufwändiges Meeresforschungsprogramm realisierten, unter anderem am Tiefseeberg Vema im Südostatlantik. Auch dies hat die Umweltstiftung finanziert.

Die Daten sind vorhanden, nun müssen die Regierungsvertreter bei den Vereinten Nationen handeln. Sie haben die Chance, Geschichte zu schreiben – und erstmalig das Blau in unserem blauen Planeten umfassend zu schützen.