Rumänischer Urwald in den Karpaten

Rumänien: Wächter des Waldes – innovativer Urwaldschutz per App

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Greenpeace lebt vom Mitmachen. Nur Kraft ihrer zahlreichen Freunde und Unterstützer weltweit kann die Organisation so viel bewegen. Durch den digitalen Fortschritt tun sich heute ganz neue Wege auf, Greenpeace zu helfen: Die App „Forest Guardians“, mitfinanziert von der Umweltstiftung, erlaubt es den Usern, bedrohte Urwaldgebiete in Rumänien virtuell zu überwachen.

Die jahrhundertealten, wildromantischen Buchenwälder in den rumänischen Karpaten gehören zu den letzten Urwäldern Europas. Die Rotbuche dominiert andere Baumarten wie Tannen, Eschen und Ahorne; zu den auffälligsten Tieren zählen der Braunbär, Luchs und Wolf. Doch dieser Naturschatz ist bedroht. Von den insgesamt noch etwa 120.000 Hektar Primärwald ist bisher nur ein Sechstel geschützt. Illegale Holzfäller dringen bevorzugt in diese alten Wälder vor, denn sie haben es auf kostbare Baumriesen abgesehen. Bisher bleiben ihre Verbrechen meist unbemerkt.

Entstehung der Idee

Im Sommer 2016 organisierte Greenpeace ein „Waldrettungscamp“ im Argeș-Flusstal in den Karpaten. „Mit etwa 100 Aktivisten aus zehn europäischen Ländern kartografierten wir ein Urwaldgebiet, dem illegaler Holzeinschlag drohte. Große Areale drumherum sind bereits zerstört“, erzählt der rumänische Wald-Kampaigner Ciprian Galusca. „Wir riefen das Forstministerium zum Handeln auf – mit Erfolg: Es wies später fast 1.000 Hektar als neues Schutzgebiet aus. In den sozialen Medien berichteten wir laufend von unseren Aktivitäten, viele unserer Follower äußerten den Wunsch, sich ebenfalls zu engagieren.“ So entstand die Idee, ein Mitmach-Tool zu entwickeln, mit dem jeder über die Wälder wachen und illegalen Holzeinschlag aufdecken kann – einfach vom Smartphone oder Tablet aus.

So funktioniert die App

Die Spielerinnen und Spieler, in der Pilotphase nur aus Rumänien, vergleichen ältere mit aktuellen Satellitenfotos. Die Untersuchungsfläche umfasst circa 30.000 Hektar im Făgăraș -Gebirge der Karpaten, die zur Hälfte aus Urwäldern besteht, von denen wiederum ein Fünftel geschützt ist. Für 3.000 Hektar müssen etwa 500 Bilderpaare verglichen werden. Wer eine neue Waldlücke entdeckt, markiert sie – sichtbar für die ganze Community. Fünfzehn andere müssen den Verdacht bestätigen, dann geht Greenpeace der Sache nach. Drei Monate nach dem Launch im September 2018 wurde die App schon rund 10.000-mal heruntergeladen. „Ein unverhoffter Ansturm!“, freut sich Galusca. „Wir sind nun dabei, die gemeldeten Holzeinschläge genau zu überprüfen.

Verifizierung erst auf dem Papier, dann im Wald

Die Greenpeace-Experten prüfen zuerst, ob zu den Einschlagsgebieten offizielle Genehmungen vorliegen – und ob die entnommene Holzmenge, soweit erkennbar, den Vorschriften entspricht. „Besonderes Augenmerk legen wir auf die Urwaldareale. Wir überlappen selbst erstellte Urwaldkarten mit den markierten Stellen auf den Satellitenfotos. Liegen neue Kahlstellen tatsächlich in Urwäldern, fahren wir schnellstmöglich raus, um uns ein Bild von der Lage zu machen und die Zerstörung aufzuhalten“, so Galusca. In zwei Fällen stellten die Greenpeacer vor Ort fest, dass Holzfäller nur an der Grenze zum Urwald rodeten, also noch legal. Womöglich wussten die Arbeiter von der App und haben nur deshalb aufgepasst?

Vom App-Aktivisten zum „echten“ Aktivisten

Das Projekt erreichte große Medienresonanz in und außerhalb von Rumänien. Zudem meldeten sich bereits Dutzende App-User, die Greenpeace auch offline tatkräftig helfen wollen. Ciprian Galusca und sein Team hoffen, künftig weitere Freiwillige über die App zu mobilisieren: „Nach einem Training können die Aktivisten uns bei Kontrollen im Wald helfen – damit wächst die Chance, illegale Zerstörung rechtzeitig zu entdecken und behördlich anzuzeigen.“

Ziel: Schutz aller Primärwälder Rumäniens bis 2020

Mit Hilfe der Forest Guardians will Greenpeace den Druck auf Rumäniens Regierung und die EU erhöhen, die verbliebenen europäischen Primärwälder endlich streng zu schützen. Auch zum Erreichen der Pariser Klimaziele ist dies nötig, da sie sehr viel Kohlenstoff speichern. Greenpeace fordert vom rumänischen Forstministerium, alle alten und unberührten Wälder in einem öffentlichen nationalen Urwald-Register zu verzeichnen und sie bis Ende 2020 komplett unter Schutz zu stellen.