Gift und Gegengift: Familiäre Öko-Landwirtschaft in Rio de Janeiro stärken

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Der enorme Pestizideinsatz in der brasilianischen Landwirtschaft gefährdet Menschen und Natur. Ein Projekt des Vereins AS-PTA in Kooperation mit Greenpeace Brasilien untersucht und bekämpft dieses Problem im 15 Millionen Einwohner starken Bundesstaat Rio de Janeiro. Die Umweltstiftung Greenpeace finanziert eine Vorstudie für die anvisierte Agrarwende in Rio.

Der gemeinnützige brasilianische Verein AS-PTA Agricultura Familiar e Agroecologia (Familiäre Landwirtschaft und Agrarökologie) fördert unter anderem die urbane Landwirtschaft in Rio de Janeiro. Kleinfarmer in den Favelas versorgen sich und andere Cariocas mit frischen, gesunden Lebensmitteln, wobei der Verein ihnen auch bei der Vermarktung ihrer Produkte hilft. Mit Unterstützung der Umweltstiftung und in Kooperation mit Greenpeace Brasilien startete AS-PTA Ende 2018 ein neues Projekt, welches weit über die Atlantikmetropole hinaus wirken soll. „Agrarwende im Bundesstaat Rio de Janeiro“ heißt das ehrgeizige Vorhaben und dieses muss vor allem ein Problem lösen: den übermäßigen Einsatz von Pestiziden.

Giftigste Äcker der Erde

In keinem anderen Land der Welt landet so viel Gift auf dem Acker wie in Brasilien. Rund 1 Milliarde Liter waren es in der Saison 2013/2014 nach Angaben des brasilianischen Umweltministeriums. Neuere Schätzungen von investigativen Journalisten liegen bei fast 1,5 Milliarden Litern*. Nachdem 2003 der kommerzielle Anbau von genveränderten Nutzpflanzen durch die damalige brasilianische Regierung zugelassen – und die Vermarktung und Verwendung von Pestiziden erleichtert wurde, stieg der Gifteinsatz stark an. Neben der schieren Menge erschreckt die Tatsache, dass in Brasilien Wirkstoffe benutzt werden, die in anderen Ländern aus gutem Grund verboten sind. „Charakteristisch ist auch ein unverhältnismäßiger, allzu sorgloser Gebrauch der Agrargifte. Zum Beispiel erzählte uns ein Bauer, dass er Pestizide verspritzt, nur um ,störende‘ Pflanzen zu beseitigen und seine Kulturen ,sauber‘ zu halten – und nicht um Krankheiten oder Schädlinge gezielt zu bekämpfen“, berichtet Marcio Mattos de Mendonça, der das Projekt koordiniert. Die Folgen sind unter anderem vergiftete Böden und verseuchtes Grundwasser. Auch Lebensmittel sind belastet, wie eine Greenpeace-Analyse von Schulverpflegung in Rio de Janeiro 2016 zeigte: Auf 60 Prozent der Proben fanden sich Pestizidrückstände, darunter sogar ein national verbotener Wirkstoff.

Projekt-Vorstudie zum Pestizideinsatz

Bäuerliche familiäre Landwirtschaft ist im ganzen Bundesstaat präsent und deckt einen Großteil des Nahrungsbedarfs der Metropole, insbesondere mit Gemüse, tropischen Früchten und Maniok. Das Projekt will die kleinen Familienbetriebe stärken und sie darin unterstützen, ökologisch zu wirtschaften und ihre Erzeugnisse auf lokalen Märkten zu vertreiben. Denn indem die Bäuerinnen und Bauern ihre Produkte direkt verkaufen – und dabei persönliche Kontakte zur Kundschaft knüpfen, machen sie sich unabhängiger von den großen Agrobusiness-Konzernen.

Die Umweltstiftung finanziert eine zweiteilige Vorstudie und damit die erste Phase des Projekts. Diese konzentriert sich auf die Regionen Serrana, Magé (Metropolregion Rio de Janeiro) und Baixadas, in denen Krankheiten aufgetreten waren, die vermutlich durch Pestizide ausgelöst wurden. Erster Teil der Studie sind Interviews: Landwirte werden unter anderem gefragt, welche Pestizide sie einsetzen, warum und mit welchen Praktiken – und wie sie die Risiken einschätzen. Auch Öko-Landwirte werden interviewt, um zu verstehen, welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen. Mitarbeiter lokaler Verwaltungen sollen über die am meisten benutzten Pestizide, über belastete Lebensmittel sowie über Gesundheitsprobleme Auskunft geben. Auch sollen sie einschätzen, was der Reduktion von Agrochemie noch im Weg steht – etwa wirtschaftliche oder auch kulturelle Hürden.

Als zweites werden Literatur-Recherchen durchgeführt: Hierbei werden die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen rund um den Einsatz von Pestiziden und die Umstellung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft im Bundesstaat analysiert. Das brasilianische Greenpeace-Büro will die Ergebnisse der Vorstudie für seine Landwirtschaftskampagne nutzen.

Großes Netzwerk an Akteuren

Neben Greenpeace kann AS-PTA auf ein breites Partnernetzwerk von Initiativen und Organisationen aus Landwirtschaft, Gesundheitswesen und Forschung zählen. Gemeinsam mit Öko-Kleinbäuerinnen und -bauern wollen die verbundenen Akteure die Agrarwende hin zu einer giftfreien Landwirtschaft voranbringen. Die zweite und entscheidende Projektphase soll Mitte 2019 beginnen. Die Umweltstiftung Greenpeace bleibt dran und wird über Fortschritte berichten.

aspta.org.br