Hilfe für den heimgekehrten Wolf

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Das Comeback von Canis lupus ist Faszination und Herausforderung zugleich. Viele Menschen sind angetan von diesem intelligenten, hochsozialen Wesen und schätzen seine Leistung für das Ökosystem. Denn indem der Wolf pflanzenfressende Huftiere wie Reh, Hirsch und Wildschwein dezimiert, nützt er dem Wald – und sorgt für gesunde Wildbestände, da er vor allem schwache und kranke Tiere frisst. Gleichzeitig gibt es aber auch die Sorge, dass Wölfe eine echte Bedrohung für die Weide- und Biolandwirtschaft mit freilaufenden Tieren bedeuten könnten. Laut einer Studie des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz fressen die Räuber zwar zu 96 Prozent Wild – Übergriffe auf Nutztiere sind trotzdem ein Problem, das es zu minimieren gilt.

Die Umweltstiftung Greenpeace ist überzeugt: Der Wolf, der Ende der neunziger Jahre den Weg zurück in seine alte Heimat fand, gehört hierher und braucht unsere Unterstützung. Seit 2017 fördert sie drei ambitionierte Projekte, die zu einer konfliktarmen Koexistenz von Mensch und Wolf beitragen.

1. Wolfsbestände effektiver überwachen

Eine intensive Bestandsüberwachung ist ein wichtiger Teil des Wolfsschutzes und notwendig, um Bevölkerung und Viehhalter frühzeitig über seine Anwesenheit zu informieren. In Sachsen ist das LUPUS-Institut der Biologinnen Ilka Reinhardt und Gesa Kluth offiziell mit dieser Aufgabe betraut. Im Osten des Freistaats, etwa in der Lausitz, ist der Wolf flächendeckend präsent. Landesweit wurden 18 Rudel und vier Paare im Monitoringjahr 2017/2018 gezählt. Geschulte Mitarbeiter setzen Fotofallen ein und suchen nach Trittspuren und DNA-Material wie Losung, Haare und Speichel an Rissen. Das Problem: Mit zunehmender Ausbreitung der Tiere schaffen es die Wolfsbeauftragten kaum noch, die nötigen Daten zu sammeln, zumal sich die Territorien oft verschieben. Ihr hoher Einsatz ist seit Jahren finanziell nicht mehr gedeckt – die staatlichen Mittel sind viel zu gering.

Daher untersucht LUPUS seit Mai 2017 mit Hilfe der Umweltstiftung, wie das Monitoring bei steigenden Bestandszahlen effektiver gestaltet werden kann. Nach der Auswertung sollen die Behörden informiert werden, wie viel Geld und Personal sie künftig mindestens für die Bestandskontrollen bereitstellen müssen. Die inzwischen abgeschlossene Feldarbeit bildete einen „Wolfsanteil“ der Studie. Für die Begehungen des Projektgebiets, immer auf der Suche nach Genetikproben, hat LUPUS zwei Festangestellte sowie Praktikanten und Studenten engagiert. „Mehrere tausend Kilometer Waldwege haben sie abgelaufen und dabei weit über 1.000 Kotproben eingesammelt. Mal hielten sie sich an vorher strikt festgelegte Routen, mal konnten sie ihre Wege willkürlich wählen – und dabei teilweise auf Erfahrungswerte zurückgreifen“, sagt die Projektleiterin Ilka Reinhardt. Durch diese Methodik will LUPUS klären, welche Form der Spurensuche effektiver ist – die systematische oder die opportunistische. Einen derart großangelegten Untersuchungsansatz habe es hierzulande im Wolfsmonitoring noch nicht gegeben, so Reinhardt. Um zusätzlich herauszufinden, wie lohnend die Mithilfe einer „Profi-Spürnase“ ist, waren zwei Mitarbeiterinnen mit einem speziell ausgebildeten Hund unterwegs.

Nun heißt es, die große Menge der erhobenen Daten bis Mitte 2019 auszuwerten. Je aussagekräftiger die Ergebnisse, umso besser kann LUPUS praktische Empfehlungen geben, die das Monitoring deutschlandweit verbessern. „Es ist zum Beispiel gut möglich, dass dann nicht mehr das ganze Jahr über gleich intensiv nach Genetikproben gesucht wird – sollte sich herausstellen, dass die Erfolgsquote saisonal stark schwankt“, sagt Reinhardt. Zudem hoffen die LUPUS-Forscher, die Suche auch räumlich eingrenzen zu können. Dazu werden sie die Standortmerkmale der häufigsten Fundorte von Wolfsspuren analysieren.

www.wolf-sachsen.de

2. Aufklärungsarbeit intensivieren

Zu wissen, wo Wölfe leben und wie viele, genügt leider noch nicht für ein „harmonisches Miteinander“. Hier kommt das zweite Projekt ins Spiel: Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW) betreibt seit 1991 deutschlandweit Aufklärungsarbeit. Unter der Leitung von Dr. Peter Blanché, Tierarzt i.R., wendet sich der Verein beratend an die allgemeine Bevölkerung sowie an Landwirte, Jäger und Politiker. Sie baut falsche Vorurteile ab und gibt praktische Hilfestellung im Umgang mit dem Wildtier. Mit Unterstützung der Umweltstiftung Greenpeace hat der Verein seine Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit verstärkt, etwa durch die Herausgabe von Pressemeldungen, Stellungnahmen und Dossiers zu relevanten Themen. Zum Beispiel behandelt eine Publikation das Thema Ängste vor dem Wolf und ihre Ursachen. „Nachbar Wolf: Wie gelingt das Zusammenleben?“, fragt die Redaktion –  Antworten gibt unter anderem der Verhaltensbiologe Prof. Kurt Kotrschal. Ein weiteres Dossier widmet sich dem „Herdenschutz: Wichtig für Wölfe und Weidetiere“. Schon der Titel besagt, dass gut gesicherte Schafe, Ziegen oder Kälber letztlich auch dem Wolf nützen: Er würde dann von der Bevölkerung besser akzeptiert. Vielfach bewährt haben sich Elektrozäune in Kombination mit Herdenschutzhunden wie dem Kuvasz oder Pyrenäenberghund. Die robusten Aufpasser leben Tag und Nacht draußen bei ihren Schützlingen und leisten einen anspruchsvollen Job – ihnen widmet das Dossier einen Schwerpunkt. 

Nutztierhalter erhalten staatliche Unterstützung für Präventionsmaßnahmen gegen Wolfsangriffe. Die Bundesländer handhaben dies etwas unterschiedlich. Durch eine beihilferechtliche Entscheidung der EU-Kommission am 11. Januar 2019 können die  Kosten für wolfssichere Zäune oder die Anschaffung von Herdenschutzhunden nun vollständig erstattet werden (zuvor waren nur 80 Prozent zulässig). Mit einer einmaligen Investition ist es aber nicht getan. Die GzSdW macht sich dafür stark, dass auch die laufenden Kosten gefördert werden, etwa für den Unterhalt der Hunde oder für die zeitintensive Kontrolle und Instandhaltung der Zäune.

3. Multiplikatoren schulen – geballtes Wolfswissen weitergeben

Wölfe brauchen eine starke Lobby, um dauerhaft im dicht besiedelten Deutschland  Fuß zu fassen, denn gefährlicher als das Raubtier selbst sind seine zweibeinigen Gegner – ob aus den Reihen der Jägerschaft, Bauernschaft oder Politik. Sie wollen „Bestände regulieren“, „wolfsfreie Zonen“ schaffen und dazu den strengen Schutzstatus der Tierart lockern. Ihre Argumente sind oft unsachlich. Deshalb ist es so wichtig, möglichst breite Bevölkerungsschichten und verschiedene Interessengruppen umfassend und wissenschaftsbasiert über Wölfe zu informieren. Sodass die Bürgerinnen und Bürger beispielsweise in der Lage sind, widersprüchliche Medienmeldungen richtig zu bewerten.

Hierzu sollen gezielt geschulte Multiplikatoren beitragen. Die Umweltstiftung Greenpeace finanziert ein mehrstufiges Seminarprogramm unter der Trägerschaft der GzSdW. Seit Herbst 2018 wurden drei mehrtägige Grundlagen-Seminare in der Lausitz durchgeführt. Die bis zu 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehören verschiedenen Verbänden aus Umwelt- und Naturschutz an. Als Fach-Referenten wurden der Lausitzer Fotograf und Wolfsexperte Carsten Nitsch und Stephan Kaasche, Naturführer von wolfsland tours gewonnen. Das Programm bot eine ausgewogene Mischung aus Schulung und Diskussion, Theorie und Praxis, die von den Gruppen auch sehr gut angenommen wurde. So gab es einerseits Vorträge zum Wolfsmonitoring und andererseits praktische Übungen im Gelände, etwa das Ausmessen von Trittspuren zur späteren Auswertung.

Bei der Evaluierung der ersten Seminare äußerten mehrere Teilnehmer einen großen Wissensbedarf unter anderem zum Umgang mit Konflikten. Und Konfliktbewältigung ist auch einer der Schwerpunkte der Fortbildungs- und Vertiefungsseminare, die an verschiedenen Orten und mit wechselnden Referenten stattfinden werden. Außerdem stehen Medienarbeit, Herdenschutz sowie ein Workshop zu Naturschutzphilosophie und Naturschutzpolitik am Beispiel Große Beutegreifer auf dem Programm.

Die GzSdW strebt an, eine feste Projektarbeitsgruppe zu formen, die langfristig am Ball bleibt und ihr geballtes Wolfswissen weitergibt. Eine Infobroschüre, die zum Projekt erstellt wurde, titelt auf den Punkt: „Wissen schafft Akzeptanz – Akzeptanz schafft Wolfsschutz.“

www.gzsdw.de

Foto © Sebastian Koerner