Obstsortenvielfalt bewahren – als Genpool und Kulturgut

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Das Pomarium Gut Wulfsdorf bei Hamburg erhält 300 Obstsorten mit vielen historischen Raritäten für die Nachwelt. Die Umweltstiftung Greenpeace fördert das Projekt aus zwei Gründen: Weil wir genetische Vielfalt für unsere Ernährungssicherung brauchen, und weil Streuobstflächen nahrhafte Paradiese für Insekten und viele andere Tiere sind.

Elstar, Jonagold, Gala oder Boskoop kennt jeder aus dem Supermarkt, sie zählen zu den wenigen Tafeläpfeln, die in großen Mengen produziert werden. Mit dem Gartenmeister Simon dürften jedoch nur wenige Menschen bekannt sein. Oder wer hat schon mal feierlich in einen Angelner Hochzeitsapfel gebissen, wer die rote Wange eines Gascoynes Scharlachroten gestreichelt oder von einem Krumstedter Paradiesapfel genascht? Diese und andere wohlklingende Apfelraritäten wachsen neben weiterem Obst alter und seltener Sorten im Pomarium Gut Wulfsdorf.

Mit ihren Stifterhainen im Schwarzwald hat die Umweltstiftung bereits zwei eigene kostbare Streuobstflächen geschaffen – nun unterstützt sie mit dem Pomarium ein ambitioniertes Streuobst- und Sortenerhaltungsprojekt auf einem Demeter-Hof in Ahrensburg bei Hamburg. Michael Heißenberg vom Initiativkreis Gut Wulfsdorf e.V. baut dort eine der größten Sammlungen Norddeutschlands auf: In zwei Baumschulen hat er seit 2013 über 1.100 Jungbäume in traditioneller Hochstammform herangezogen: Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Mirabellen und Quitten von insgesamt 300 Sorten.

Genetische Ressourcen für Neuzüchtungen

„Das ist ja noch bescheiden, bedenkt man, dass weltweit allein schätzungsweise 20.000 Apfelsorten existieren. In Deutschland kennt man rund 2.000 Sorten“, sagt der Pomologe. „Längst nicht alle schmecken oder eignen sich für den Erwerbsanbau, trotzdem ist es wichtig, die Vielfalt zu erhalten.“ Ein großer genetischer Pool wird zum Beispiel benötigt, um neue Sorten zu züchten, die widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheiten und besser an veränderte Klimabedingungen angepasst sind. Dafür ein paar Samen zu archivieren, reicht nicht. Es braucht ganze Bäume, um diese mittels Veredelung vermehren zu können.

Nachbars seltener Apfelbaum 

Wie kommt eigentlich ein Informatiker und Geschäftsführer eines IT-Dienstleisters dazu, Obstsorten zu sammeln? „Alles begann mit einem alten Apfelbaum in Nachbars Garten, der weg sollte“, erzählt der Ahrensburger. „Ich durfte vorher noch die Früchte ernten, und da uns die Sorte unbekannt war, stellte ich einen Apfel bei einem Treffen des Pomologen-Vereins vor.“ Die erfahrenen Experten reagierten erstaunt, denn offiziell gab es diesen Apfel namens Riebesehls Winterprinz hier nicht mehr. Damit war Heißenbergs Neugier geweckt. Er trat dem Verein bei und fand mehr über alte Obstsorten heraus. Bald hatte er 100, 200 und noch mehr Jungbäume in Töpfen zuhause stehen und zog aus, Flächen für sie zu suchen ...

Die meisten Raritäten erhielt er über den Pomologen-Verein, zum Auftakt konnte er auch etliche Pflanzen von einer Flensburger Baumschule günstig erwerben: „Mit dabei war zum Beispiel die norddeutsche Doppelmelone – die Äpfel können über acht Zentimeter lang werden. Oder der Römsche Kikker: Diese Sorte soll geschätzt 2.000 Jahre alt sein. Aus dem mickrigen Pflänzchen, das fast im Osterfeuer gelandet wäre, ist ein starker, stolzer Römer geworden, ein Traum von einem werdenden Apfelbaum.“

Blühstreifen für Insekten

Knapp ein Drittel der Baumschulkinder ist schon ausgepflanzt. Jeder Baum muss von Pfosten gestützt, mit Draht umwickelt und mit einem unterirdischen Wühlmausschutz versehen werden. Ein Teil wurde mit ehrenamtlichen Helfern in Reihen entlang der Wulfsdorfer Gemüseäcker platziert. Die Umweltstiftung finanzierte mit 7.500 Euro in 2018 die Pflanzung von 100 Bäumen und daneben die Anlage eines fünf Meter breiten Blühstreifens mit Wildblumen, die das Futterangebot für Insekten erweitern. Außerdem ermöglicht die Stiftungsförderung einer Person die Teilnahme an einem Lehrgang für Obstbaumpflege.

Einige Streuobstgruppen konnte Michael Heißenberg im weiteren Umkreis unterbringen, etwa im Garten einer Ahrensburger Schule. „Und Ende 2018 wird eine schöne Fläche auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof dazukommen. 50 Bäume finden rund um eine kleine Kapelle Platz“, freut sich der Pomologe.

Für ihn haben die Obstbäume auch eine Bedeutung als Kulturgut mit Geschichte(n): Wer hat die jeweilige Sorte entdeckt, woher stammt ihr Name, was haben die Menschen früher mit ihren Früchten angestellt? Nicht alles ist herauszufinden, doch mit der neu gepflanzten Generation können jetzt neue Geschichten geschrieben werden.

…Seinen Nachbarn konnte Heißenberg übrigens überzeugen, den alten Apfelbaum stehen zu lassen. Nachkommen der seltenen Sorte wachsen jetzt rund um das Gut Wulfsdorf heran.

www.pomarium-gw.com