Schutz von Seegraswiesen im Mittelmeer

Sie gehören zu den bedeutendsten marinen Ökosystemen im Mittelmeer und können eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen: Seegraswiesen. Doch weltweit schrumpfen die Bestände aufgrund menschlicher Aktivitäten und steigender Wassertemperaturen. Die Organisation Project Manaia hat deshalb eine breite Initiative im Tyrrhenischen Meer gestartet, um bedrohte Seegraswiesen vor der Küste Italiens wieder anzupflanzen. Die Umweltstiftung Greenpeace fördert das Projekt in seiner Pilotphase.

Seegraswiesen sind von unschätzbarer Bedeutung für die Artenvielfalt in unseren Meeren und wichtige Verbündete beim Klimaschutz. Foto © Project Manaia.

Die Idee ist einfach: Jeder, der eine lose Seegraspflanze oder ihre olivgroßen, grünen Samen an der Wasseroberfläche, am Anker, Fischernetz oder Strand findet, kann diese an zentralen Sammelstellen in den Häfen und in Tauchzentren abgeben. Von hier aus werden die Pflanzen wieder an den Orten eingepflanzt, die vormals mit Seegras bedeckt waren.

Ziel der Pilotphase ist es zunächst, so viele Tauchbasen und Marinas wie möglich für die Teilnahme am Projekt zu gewinnen. Bei Besuchen vor Ort werden aber auch gleich praktische Workshops durchgeführt. Hier lernen die Mitarbeitenden der Tauchzentren, mit dem notwendigen Equipment und Know-how Setzlinge heranzuzüchten und auch das spätere Anpflanzen selbstständig durchzuführen.

Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel

Seegraspflanzen kommen in den Küstengewässern aller Kontinente vor, mit Ausnahme der Antarktis. Ihre Unterwasserwiesen bilden dichte, grüne Ökosysteme, die vornehmlich im seichten Wasser weite Teile des Meeresbodens bedecken. Seegraswiesen sind Lebensraum für viele bedrohte Arten wie dem Seepferdchen und dienen zahlreichen Fischen als Brutstätte und Rückzugsort. Zudem schützen Seegräser die Küsten vor Erosion und sorgen für sauberes Wasser.

Bei der Photosynthese gibt die Seegraspflanze zudem Sauerstoff ins Meer ab. Gleichzeitig speichert sie in den Wurzeln große Mengen an Kohlenstoff. Wenn die Pflanzen absterben, werden sie von Bodensedimenten bedeckt: Auch dadurch bleibt der Kohlstoff im Boden gebunden. Dabei ist Seegras bemerkenswert effizient. Laut Helmholtz Klima Initiative speichert die Seegraspflanze Kohlenstoff etwa 30 bis 50 Mal schneller im Boden als die Wälder an Land. Das macht Seegraswiesen zu einem wichtigen Kohlenstoffspeicher der Erde – und damit zu einem Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.

Umweltstress gefährdet Seegraswiesen weltweit

Doch mittlerweile gehören Seegraswiesen neben Korallenriffen und tropischen Regenwäldern zu den am meisten bedrohten Lebensräumen unseres Planeten.

Die Ursachen für ihren dramatischen Rückgang sind sehr vielfältig. Nicht nur steigende Wassertemperaturen infolge des Klimawandels machen den Pflanzen zu schaffen. Auch die fortschreitende Überdüngung der Ozeane trägt massiv zum Rückgang der Unterwasserwiesen bei. Abwässer, die beispielsweise über Aquakulturen, die Landwirtschaft oder Kläranlagen ins Meer gelangen, enthalten sehr viel anorganischen Stickstoff. Kurzfristig hält die Seegraspflanze einer Nährstoffüberversorgung stand, doch bei einer dauerhaft hohen Stickstoffbelastung nimmt sie beträchtlichen Schaden. Dann bilden sich winzig kleine Algen auf den Pflanzen, die diese bei der Photosynthese behindern, wie das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen herausfand.

Auch im Mittelmeer sind Bestände bedroht

Auch im Mittelmeer sind die Auswirkungen der Erderwärmung und Verschmutzung für die dort heimische Posidonia oceanica, das Neptungras, zu spüren. Die 2015 gegründete, österreichische Nichtregierungsorganisation Project Manaia befasst sich bereits seit einigen Jahren mit der Vermessung von Seegraswiesen im gesamten Mittelmeerraum. Nachdem sie einen rapiden Rückgang der Unterwasserwiesen feststellen musste, sucht die Organisation jetzt nach einer Möglichkeit, möglichst viele Personen und Organisationen aktiv in das Wiederaufforsten von Posidonia miteinzubeziehen, um ihren Rückgang so zu stoppen.

Neues Image für Seegras

Dabei setzt die Organisation vor allem auf Aufklärung. Denn in vielen Bereichen ist Seegras unbeliebt. Einheimische, Segler:innen und Urlauber:innen finden meist keine Freude an der Pflanze: Zum einen wird es von vielen als unheimlich empfunden, wenn man darüber schwimmt, zum anderen können Boote im Seegras schlechter ankern. Das abgestorbene Material an den Stränden wird zudem als Verschmutzung wahrgenommen. Und selbst Fischer:innen werfen das Seegras, das im Netz hängen bleibt, im Hafen schlicht über Bord.

Zukünftig sollen klar gekennzeichnete Sammelstellen in den Marinas und Tauchzentren zum Umdenken anregen und die Menschen dazu animieren, die losen Pflanzen und auch die Samen zu sammeln. Darüber hinaus bieten die Tauchzentren dann auch besondere Tauchgänge an, die dem Auswildern der Pflanzen und Setzlinge dienen. Ein vermeintlich langweiliger Tauchgang über eine Seegraswiese kann so zu einem spannenden Renaturierungsprojekt werden.

Breite Initiative für den Schutz des Neptungrases

„Was wir sichtbar erreichen wollen, ist klar“, sagt Manuel Marinelli, Geschäftsführer von Project Manaia. „Wir wollen dafür sorgen, dass Seegraswiesen nicht weiter schrumpfen und am Ende ganz verschwinden.“ Ziel der Organisation ist es, das Know-how und die Erfahrungen aus der Pilotphase in den kommenden Jahren auch an anderen Orten zu verbreiten. Dazu werden Marinelli und seine Team jährlich dieselbe Route mit ihrem Forschungssegelschiff befahren, mit Partner:innen sprechen und den Fortschritt der Aufforstungsarbeiten dokumentieren. Langfristig soll auf diese Weise ein Netzwerk an Partnerorganisationen und Tauchbasen entstehen, in dem Erfahrungen offen geteilt und die Pflanz- und Aufklärungsarbeiten selbstständig fortgesetzt werden können.