Wissen schaffen, um zu handeln: Die Task Force Systemische Pestizide

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Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Gruppe Pestizide, die nicht nur auf der Oberfläche der behandelten Pflanze verbleiben. Sondern in sie eindringen und sich in jeder Zelle, jeder Blüte und jeder Frucht nachweisen lassen. Der größte Teil des Gifts allerdings trifft gar nicht die Pflanze, sondern verteilt sich in der Umgebung, versickert im Boden und Gewasser, und reichert sich dort immer weiter an. Manche dieser neurotoxischen Pestizide – bekannt als Neonicotinoide – sind für Bienen und wirbellose Tiere 5000 bis 8000 mal giftiger als DDT. Würden Sie diese Mittel zulassen? Die „systemischen Pestizide“, um die es geht, sind zugelassen – und die Folgen sind dramatisch. 1994 und 1995 kamen die Gifte auf den Weltmarkt. Ab 2003 wurde erstmals ein dramatischer Rückgang von Insekten, vor allem von Honigbienen, in Europa festgestellt. Beunruhigt trafen sich 2009 ein Dutzend französische und schweizerische Wissenschaftler in Südfrankreich. Ihre Analyse: „Eine Katastrophe bedroht die Insektenwelt Europas“ – und verantwortlich dafür sind die Neonicotinoide. Wenige Monaten spater gründeten die Experten die „Task Force Systemische Pestizide“ (TFSP) um alles verfügbare Wissen über diese Stoffe und ihre Auswirkungen zusammenzutragen. Die Umweltstiftung Greenpeace unterstützt diese wichtige Arbeit.

„Wir kontaminieren unsere globale Umwelt mit Chemikalien“

Die bekanntesten systemischen Pestizide sind die Neonicotinoide, kurz Neonics, und Fipronil. Sie machen ein Drittel aller verkauften Pestizide weltweit aus. Die Auftragung erfolgt über das Beizen von Saatgut, Tauchbad,  Blattbesprühung, Bodentränkung und Einspritzen in den Stamm. Systemische Pestizide werden nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt, sondern auch in der Forstwirtschaft, in der Fischzucht, zur Holzbehandlung und sogar zur Schädlingsbekämpfung bei Nutz- und Haustieren. Das heißt: fast überall. Häufig werden mehrere Stoffe gleichzeitig aufgebracht – und oft nur vorbeugend, selbst wenn noch keine Schädlinge aufgetreten sind.

Die Task Force hat alle Studien zu diesen Giften gesichtet und übergreifend ausgewertet, insgesamt mehr als 1100. 2015 legte die TFSP ihren Bericht vor. Das Ergebnis ist eindeutig – und erschreckend: Systemische Pestizide finden sich heute „in der gesamten Umwelt einschließlich Boden, Wasser und Luft“, stellen die Forscher fest. Proben aus dem Grundwasser und aus Seen und Flüssen zeigten in mehreren Ländern Europas und Nordamerikas eine Überschreitung der zulässigen Grenzwerte. „Wir kontaminieren die globale Umwelt mit hochgiftigen und hochgradig langlebigen Chemikalien“, sagt Prof. Dave Goulson von der Universität Sussex in Großbritannien. Dass diese Pestizide zum massiven Rückgang ganzer Arten, etwa von Bienen, beitragen, ist erwiesen. Zwar spielen auch andere Faktoren dafür eine Rolle, wie die Zerstörung von Lebensräumen. Systemische Pestizide wirken aber direkt und indirekt toxisch.

Beispiel Bienen: Die Studien zeigen, dass schon kleine Dosen systemischer Pestizide enorme Auswirkungen auf Bienen haben. „Es gibt eine direkte kausale Beziehung zwischen der Aussat von neonikotinoidbehandeltem Saatgut und einem Massensterben von Bienen an diesen Feldern“, schreiben die Forscher. Das Phänomen konnte in Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, den USA und Kanada beobachtet werden. Auch wenn die Bienen nicht sofort sterben, sind sie beeinträchtigt: Systemische Pestizide führen dazu, dass sie eine Pollenquelle schlechter finden oder nach dem Sammeln nicht mehr zum Bienenstock zurückfinden. Im Stock senken die Gifte die Zahl der Larven und der schlüpfenden Königinnen.

Beispiel Vögel: Die Forscher fanden Nachweise, dass schon wenige aufgepickte Saatkörner mit Pestiziden bei kleineren Vögeln zum Tod führen – sie werden quasi direkt vom Menschen vergiftet. Und Vögel sind nicht nur über Samen gefährdet: Mit dem massenhaften Insektensterben verlieren sie auch ihre Nahrungsgrundlage. Die Forscher gehen davon aus, dass bereits 80 Prozent der Insekten verschwunden ist. In vielen Gebieten ist in der Folge auch die Zahl der Schwalben, Spatzen und anderer kleiner Vögel gesunken, um 30 bis 50 Prozent.

Es geht auch um den Menschen

Als Fazit ihres Berichts empfehlen die Forscher, die Vorschriften für Neonics und Fipronil zu verschärfen und „klare Entwürfe für eine umfangreiche Reduzierung des weltweiten Einsatzes zu erstellen“. Die TFSP engagiert sich auch dafür, dieses Wissen publik zu machen. Auf Tagungen an Universitäten weltweit stellen die unabhängigen Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor. Ihr Einsatz zeigt bereits Wirkung: Als erstes Land hat Frankreich 2018 den Einsatz von Neonics verboten, gefolgt von der Provinz Marinduque auf den Philippinen. Dort lebt fast die gesamte Bevölkerung von der Schmetterlingszucht. Auch die Exemplare in deutschen Schmetterlingsgärten stammen praktisch alle von dort. Neonics bedrohen diese Schmetterlinge – und damit auch die Lebensgrundlage der Menschen.

„Viele Menschen begreifen nicht, dass die Biodiversität lebenswichtig für uns ist“, sagt Prof. Goulson. 75 % der Pflanzen, die wir essen, würden von Insekten bestäubt, meist von Bienen. „Wenn wir uns nicht um die Bienen kümmern, würde es das meiste Obst und Gemüse, das wir gern essen, nicht geben.“ Wir könnten noch Haferbrei, Brot und Reis essen – viel mehr nicht: „Das Leben wäre furchtbar.“

The Task Force on Systemic Pesticides