Ein Modell der weltweiten Agrarlandschaft

Mit dem Überlinger Weltacker hat die Umweltstiftung 2020 einen lebendigen Lernort für Kinder und Erwachsene gefördert: Nach Vorbild des ersten Weltackers in Berlin wächst hier modellartig auf 2.000 Quadratmetern, was weltweit angebaut wird. Zu ökologischen, sozialen und ernährungspolitischen Themen regt die kreativ gestaltete Ackerschau zum Nachdenken und Handeln an.

 

Foto © Isabel Mayer

Was denken Sie, welche Nutzpflanze nimmt auf der Erde am meisten Raum ein? Es ist der Weizen, der auf circa 215 Millionen Hektar angebaut wird. Das entspricht etwa der Fläche Saudi-Arabiens oder 6x Deutschland! Es folgen Mais und Reis mit circa 190 und 160 Mio. Hektar. Allein diese Getreidearten nehmen rund ein Drittel der global verfügbaren Anbaufläche in Anspruch. Weltweit dominieren wenige Kulturen, während die große Vielfalt an Nutzpflanzen auf vergleichsweise kleinen Parzellen wächst. Die im Juni 2020 eröffnete Freiluft-Schau im baden-württembergischen Überlingen am Bodensee setzt die globalen Dimensionen und Verhältnisse in einen überschaubaren Rahmen und macht sie mit allen Sinnen erlebbar: Rund 50 der heute wichtigsten Kulturen wurden auf einem einzelnen 2.000 Quadratmeter großen „Weltacker“ maßstabsgetreu nachgepflanzt. Die Umweltstiftung Greenpeace hat das gemeinnützige Projekt in der Aufbauphase unterstützt.

Die Ausstellungsfläche ist bewusst gewählt: So viel Land würde jedem Erdenbürger zustehen, teilte man die gesamte Ackerfläche von 1,5 Milliarden Hektar durch 7,5 Mrd. Menschen = 0,2 Hektar oder 2.000 Quadratmeter. Doch während die Bevölkerungszahl steigt, gehen jedes Jahr große Areale fruchtbaren Bodens verloren, etwa durch Klimaveränderungen, Erosion infolge von Entwaldung und intensive Landwirtschaft, die den Boden auslaugt.
Wie sollten wir mit der Lebensgrundlage unter unseren Füßen umgehen, damit in Zukunft weitere Milliarden Menschen ernährt werden können? Wie steht es um die reale Verteilung von Raum und Ressourcen, ist sie gerecht? Oder wie viel Ackerfläche „importiert“ Deutschland, indem es zum Beispiel Kaffee und Soja aus Südamerika bezieht? Nur einige der Fragen, die der Überlinger Weltacker aufwirft und beantwortet.

Ur-Weltacker in Berlin – Partner-Äcker in vielen Ländern

Vorbild ist der erste Weltacker in Berlin, der 2013 nach einer Idee von Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft initiiert wurde. Zur Internationalen Gartenschau 2017 wanderte er von Berlin-Spandau nach Marzahn, wo er ein internationales Publikum begeisterte, inzwischen wird in Pankow weitergeackert. Partner-Weltäcker entstanden unter anderem in der Schweiz, in Frankreich, Schweden, Schottland, Indien und Kenia. Der jüngste in Überlingen ist sicher nicht der letzte.

Das Grundstück wurde vom Hofgut Rengoldshausen gestellt. Walter Sorms, Landwirt  auf dem Demeter-Betrieb, ist Mitinitiator des Weltackers; die Trägerschaft übernahm der Verein Mercurialis e.V. (https://www.mercurialis.org). Anlass war die geplante Landesgartenschau 2020 in Überlingen, wo das Projekt in einer kleinen Zusatzausstellung vorgestellt werden sollte. Doch wegen Corona wurde die LGS abgesagt. „Das Virus hat uns zeitlich zurückgeworfen, Mehraufwand und Nerven gekostet, doch zum Glück haben wir durchgehalten und den Weltacker fertig gestellt“, sagt Benjamin Fäth, der das Projekt leitet.

Bildung als Schlüssel für Veränderungen

Der 33-jährige Landwirtschaftsmeister arbeitet als Bauernhof-Pädagoge mit Jugendlichen auf einem Bio-Hof in der Region. Er hat mit seiner Frau vier Söhne. "Das Vatersein macht einen guten Teil meiner Motivation aus, mich für das Projekt zu engagieren", so Fäth, "ich möchte, dass kommende Generationen eine lebenswerte Welt vorfinden. Und Bildung ist der Schlüssel, um Veränderungen anzustoßen!" Bildungsexpertinnen des interdisziplinären Weltacker-Teams haben für Schulklassen aller Stufen ein vielseitiges Programm erarbeitet, darunter Ackerrallyes und Workshops, die sich um Themen wie Bodenleben, Wasserverbrauch, Biodiversität, Saatgut und Gentechnik drehen. Das Team hofft, nach den Sommerferien mit den Angeboten starten zu können. Bis dahin können Interessierte einfach vorbei kommen und sich die selbsterklärende Ausstellung anschauen:

Teller oder Tank?

Der erste Teil des Rundgangs führt an Monokulturen vorbei, die in der weltweiten Agrarlandschaft überwiegen. Lernstationen regen an, sich näher mit den jeweiligen Kulturen und deren Bedeutung für Mensch und Umwelt zu befassen. Eine Station fragt: „Teller oder Tank?“ Dazu stellten die Ausstellungsgestalter eine alte Tankstellen-Zapfsäule auf. Hintergrund ist, dass vielerorts erhebliche Ackerflächen mit Getreide, Ölpflanzen, Zuckerrüben und Co. zur energetischen Nutzung bestellt werden – und das politisch gefördert. Aus Raps, der 50 m2 des Weltackers belegt, gewinnt man Biodiesel. Die Zapfsäule zeigt 5,40 Liter an: So viel Sprit könnte man ungefähr aus 50 m2 Raps gewinnen, reicht für eine Fahrt von Überlingen nach Bregenz. „Energiepflanzen“ sind auch deshalb kritisch zu sehen, da sie meist in Monokultur mit Kunstdünger und Pestiziden angebaut werden. Das schafft neue ökologische Probleme wie den Rückgang von Insekten.

Teller oder Trog? Darum geht es an einer Station am Weizenfeld, die mit Holzschweinen dekoriert ist. Man erfährt: Etwa die Hälfte der Weizenernte weltweit landet nicht direkt auf unserem Teller, sondern nimmt einen Umweg durch den Tiermagen. Wieder wird Bezug auf den Weltacker genommen: Würde man diesen komplett mit Futtergetreide bepflanzen, könnte man damit zwei Schweine bis zur Schlachtreife mästen. Dass die Mast bestimmter Tiere viel Acker kostet, verdeutlicht auch das „Flächenbuffet“: In einer Kiste wachsen die Zutaten für einen Teller Spaghetti mit Tomatensoße (Weizen, Tomaten, Basilikum und Zwiebeln), in einer zweiten die Zutaten für Spaghetti Bolognese. Aha-Effekt: Für den zusätzlichen Anbau von Soja als Schweinefutter wird insgesamt fast doppelt so viel Platz benötigt. „Um Ackerfläche zu sparen, ist es besser, Produkte von Wiederkäuern zu konsumieren, da sie Gras fressen und auch Landschaften pflegen, die wir nicht zum Nahrungsanbau nutzen können“, erklärt der Projektleiter.

Äcker der Welt könnten deutlich mehr Menschen ernähren

Wie viel Arbeit und Mühe in jeder einzelnen Feldfrucht steckt, auch dies können die Besucher hautnah erleben. Die wärmeliebenden Pflanzen zogen die Gärtner in Gewächshäusern vor. Inzwischen konnten selbst so exotische Arten wie Erdnuss und Baumwolle erfolgreich ins Freie ausgepflanzt werden. Einige wie etwa Maniok und Zuckerrohr mögen aber partout nicht in Süddeutschland gedeihen, für sie wurden Stellvertreter-Arten gepflanzt. Der Gemüsegarten ist der reizvollste Ort: Von samenfesten Freilandtomaten bis Melonen, von krausem Grünkohl bis zu buntem Mangold wächst hier eine reiche Vielfalt.

Eine Kernbotschaft lautet, dass die Äcker der Welt sogar zwölf Milliarden Menschen versorgen könnten – „wenn wir vernünftig mit ihnen umgehen. Dazu gehört, dass der Humus- und Nährstoffgehalt des Bodens gefördert wird“, betont Benjamin Fäth. „Außerdem müssen wir weniger Nahrung verschwenden, aktuell landet rund ein Drittel der Welternte in der Tonne.“

Jede Konsumentscheidung nimmt Einfluss darauf, was wo und wie angebaut wird. Wir alle haben es in der Hand, unseren Weltacker nachhaltiger, vielfältiger und gerechter zu bestellen.