Die Arche Warder – weltgrößtes Zentrum für alte Haus- und Nutztierrassen

Ohne Haustiere wäre die Menschheit niemals so weit gekommen. Eines der wichtigsten Projekte der Umweltstiftung Greenpeace widmet sich der Bewahrung alter und seltener Nutztierrassen. In der Arche Warder bei Kiel leben so bemerkenswerte Tiere wie das stämmige Schleswiger Kaltblut, die Ungarische Lockengans, das Mangalitza Wollschwein und die Girgentana-Ziege mit ihrem eleganten Korkenziehergehörn. Neben der Erhaltungszucht ist Umweltbildung ein zentrales Anliegen des Tierparks und der Stiftung.

Foto © Sabine Vielmo

Alle Schweine sind rosa? Das könnte man meinen, denn so sehen Mastschweine in den meisten Ställen der Welt nun einmal aus. Das „Schweineland“ in der Arche Warder vermittelt dagegen eine Idee davon, wie groß und bunt die Familie der Hausschweine tatsächlich ist: Das Rotbunte Husumer etwa ist rot-weiß gestreift, das Turopolje Schwein ist schwarz-weiß getupft und das Blonde Mangalitza Wollschwein ähnelt einem Schaf. Zehn Schweinerassen widmen sich in Freigehegen ihren arttypischen Verhaltensweisen, wie mit der Nase im Boden zu wühlen oder sich im Matsch zu suhlen. Die Turopolje können sogar ausgezeichnet schwimmen und teilen sich mit Enten und Gänsen einen Teich.

So gut wie sie haben es auch die Esel, Pferde und Rinder, die Ziegen, Schafe und alle weiteren Bewohner von Europas größtem Zentrum für alte Haus- und Nutztierrassen. Insgesamt rund 1.200 Tiere von über 80 Rassen werden in dem 40 Hektar großen, naturnah gestalteten Landschaftstierpark im Herzen Schleswig-Holsteins artgerecht gehalten. Hauptziel des Teams um Direktor und Tierarzt Prof. Dr. Dr. Kai Frölich ist es, durch Erhaltungszucht den kostbaren Genpool dieser Rassen zu bewahren. Bereits seit 2003 unterstützt die Umweltstiftung Greenpeace das Vorzeigeprojekt mit viel Herzblut und jährlich großzügigen Spenden.

Vielfalt als Versicherung für die Zukunft

Ungefähr vor 12.000 Jahren begannen die ersten Bauern, geeignete Wildtiere zu domestizieren. Ziege und Schaf zählen zu den frühesten Haustieren. Im Lauf der Jahrtausende züchteten die Menschen zahlreiche Rassen mit speziellen Eigenschaften, um sie an ihre Bedürfnisse und regionale Gegebenheiten anzupassen. Die Moorschnucke zum Beispiel, auch eine Bewohnerin der Arche Warder, wurde einst in den niedersächsischen Moorniederungen gezüchtet. Die Landschaftspflegerin ist ein Leichtgewicht – ideal für feuchte, weiche Böden.

Haustiere verkörpern eine beachtliche Kulturleistung des Menschen, umgekehrt haben sie enorm zu unserer kulturellen und weiteren Entwicklung beigetragen. Doch von den rund 8.800 weltweit erfassten Nutztierrassen stehen mehr als 2.500 auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Teilweise gibt es nur noch wenige Individuen. In Deutschland sind bei den Großtierarten Pferd, Rind, Schwein, Ziege und Schaf 55 von 77 Rassen als gefährdet eingestuft*.

Schuld an dem dramatischen Schwund ist die industrielle Landwirtschaft: Sie fixiert sich auf wenige global verfügbare Hochleistungsrassen – ohne Rücksicht auf das Tierwohl: So leiden „Turbokühe“ wie die Deutsche Holstein, die pro Jahr mehr als 10.000 Liter Milch geben müssen, häufig unter Krankheiten wie Klauenrehe oder Euterentzündung. Und nach nur wenigen Lebensjahren sind sie ausgelaugt und werden geschlachtet. „Statt mit unnatürlichen Höchstleistungen punkten die alten Rassen unter anderem mit Robustheit: Das kann beispielsweise bedeuten, dass die Tiere rauer Witterung trotzen, dass sie mit karger Nahrung zurechtkommen und dass sie eine hohe Immun-Abwehr gegenüber Krankheitserregern zeigen“, erklärt Prof. Frölich.

„Wir betreiben unser Projekt nicht aus nostalgischen Gründen, wir brauchen  genetische Vielfalt als Versicherung für die Zukunft!“, betont der Tierparkdirektor. „Wenn etwa neue aggressive Keime auftauchen, wenn der Klimawandel voranschreitet – und auch wenn sich endlich Richtungsänderungen in der Landwirtschaft vollziehen, dann werden alte Rassen aufgrund ihrer Widerstandskraft und besseren Anpassungsfähigkeit an neue Umweltbedingungen zunehmend gefragt sein.“

Die Arche Warder und ihr wissenschaftlicher Beirat arbeiten mit Instituten und Universitäten zusammen, um die alten Rassen genauer zu erforschen und ihre physiologischen Besonderheiten herauszuarbeiten. Denn nur so kann ihr Stellenwert für die Landwirtschaft belegt werden.

Lohnende Rettung und Investitionen

Der Tierpark befindet sich heute in einem vorbildlichen Zustand – kaum vorstellbar, wie schlecht es 2003 um ihn stand: Viele Anlagen waren baufällig, die Tiere teilweise gesundheitlich angeschlagen, und bei etlichen war die genetische Abstammung unklar dokumentiert. Gerade noch rechtzeitig retteten Greenpeace und die Umweltstiftung Greenpeace den Tierpark aus der Insolvenz. „Wir waren von dem ganzheitlichen Konzept überzeugt und erkannten die große Bedeutung des Projekts für viele kommende Generationen“, sagt Stiftungschefin Melanie Stöhr und fügt hinzu: „Wir wollten den unwiederbringlichen Genpool der alten Rassen unbedingt sichern!“ Zur Neueröffnung 2004 schenkte die Umweltstiftung der Arche Warder zwei trächtige Stuten der gefährdeten Rasse Alt-Oldenburger. Von diesen schweren Warmblütern existieren heute laut Herdbuch weniger als 200 Individuen. Zum Vergleich: Der Bestand Afrikanischer Elefanten wurde zuletzt auf 415.000 Exemplare geschätzt, der Bestand des Sumatra-Orang-Utans auf 14.000 Tiere.

Nach und nach wurde auch mit Hilfe der Stiftung der gesamte Park saniert, wurden Wege, Zäune und Gehege, Ställe und Volieren, Elektro- und Wasserleitungen erneuert. Als Eigentümerin der Hofstelle, die sie langfristig an den Arche Warder e.V. verpachtet hat, ist die Umweltstiftung für die Instandhaltung aller Gebäude zuständig. Eines davon ist das große Tierschauhaus. 2011 ließ die Stiftung das Dach erneuern und eine Fotovoltaik-Anlage installieren. Sie deckt rund ein Drittel des Energiebedarfs des Tierparks.

Foto © Lisa Iwon / Arche Warder

Eine kleine Auswahl an Beispielen, wie die Umweltstiftung Greenpeace die Arche Warder und deren Bewohner bisher unterstützt hat:

  1. Badeparadies: 2012 wurde eine von der Stiftung mitfinanzierte neue Enten- und Gänseanlage fertig: Vier Teiche, mit Bächen und einem Wasserfall verbunden, bieten „Wellness“ für das Federvieh. Zudem entspricht die Anlage den natürlichen Bedürfnissen der Tiere und ist für deren Fortpflanzung notwendig. Zwei Jahre später erhielten auch die Hühner neue artgerechte Großvolieren. Eine Wissensstation erklärt den Weg vom Ei zum Huhn.
  2. Auf Fellfühlung gehen: Die Streichelgehege des Tierparks sind nicht nur für kleine Gäste ein Highlight! 2017 wurde eine begehbare Ziegen- und Kaninchenanlage eingeweiht. Hier können sich die Ziegen artgerecht auf Kletterbäumen austoben, und für die Meißner Widder wurde ein stabiles unterirdisches Tunnelsystem angelegt.
  3. Neue Mitbewohner: Um die teilweise winzigen Populationen genetisch breiter aufzustellen und Inzucht zu vermeiden, müssen im Austausch mit anderen Züchtern im In- und Ausland regelmäßig neue Tiere angeschafft werden. Diese Tierkäufe werden oft auch von der Umweltstiftung mitfinanziert. Zum Beispiel wurde 2005 der Parkrind-Bulle „Artus“ aus England importiert. Ein Glücksfall, die Tierparkmitarbeiter hatten lange nach einem genetisch passenden Bullen der stark gefährdeten Rinderrasse gesucht. Allein der Transport kostete 3.000 Euro. Die stattlichen zotteligen Poitou-Esel sind ebenfalls stark gefährdet. 2007 ermöglichte die Stiftung den Kauf eines Zuchthengstes namens „De Gaulle“, 2012 folgte die Poitou-Eselstute „Ulotte de Breuil“. Ein junges Beispiel aus 2018 ist der Einzug des Rotbunten Husumer Zuchtebers „Akim“. Dieses Ereignis wurde sogar von einem ZDF-Fernsehteam begleitet. „Akim“ soll nun helfen, seine extrem gefährdete Rasse zu retten.
  4. Notprogramm für Insekten und Wildvögel: Auch wilde Pflanzen und Tiere finden in dem landschaftlich abwechslungsreichen Tierpark geeignete Lebensräume. Insekten und Vögel fördert die Arche Warder auf Wunsch und mit Hilfe der Umweltstiftung ganz gezielt. Denn die Agrarindustrie mit ihrem Einsatz giftiger Pestizide hat zu einem dramatischen Insektenschwund in Deutschland beigetragen – worunter auch ihre gefiederten Fraßfeinde leiden. 2017 wurden mehrere Bienenweiden angelegt und erstmals eine ganzjährige Vogelfütterung durchgeführt, inzwischen ein Dauerprojekt. 2018 finanzierte die Stiftung zusätzlich neue Nisthilfen für Vögel sowie für Fledermäuse.
Foto © Kai Eckhardt

Grüner Dank – die Stifterbäume

Seit 2008 wird für jeden neuen Stifter ein Baum im Tierpark gepflanzt. Standortheimische Arten wie Feldahorn, Hainbuche und Eberesche wachsen in kleinen Gruppen auf den Weiden und dienen den Tieren als Regen- oder Sonnenschutz. Die „Allee der Stifter“ würdigt alle Stifterinnen und Stifter persönlich: Handgeschnitzte Baumskulpturen tragen je eine Tafel mit den Namen eines Stifterjahrgangs. Lesen Sie hier mehr über dieses Projekt.

Umweltbildung für Kinder und Erwachsene

Im März 2018 wurde der Arche Warder e.V. als „UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt 2011-2020“ ausgezeichnet. Die Juroren überzeugte auch die anschauliche Bildungsarbeit mit „Biodiversität zum Anfassen“. Für junge Gäste gibt es zum Beispiel die „Bienen-Entdeckungstour“ mit dem Imker der Arche Warder. Bei der Aktion „Einmal Tierpfleger sein“ helfen Kinder beim Füttern, Misten und Pflegen, und beim Angebot „Woher kommt mein Schnitzel?“, geht es unter anderem um die Haltung von Nutztieren.

Nun steht ein neues Großprojekt in den Startlöchern, das die wichtige Aufgabe der Umweltbildung weiter ausbauen und vertiefen wird: Für das geplante „Bildungszentrum Arche Warder“, adressiert an Gäste jeden Alters, wurde Ende 2018 eigens eine Treuhandstiftung unter der Verwaltung der Umweltstiftung Greenpeace errichtet. In einer Ausstellung soll unter anderem veranschaulicht werden, welch wichtige Rolle Haustiere für die Entwicklungsgeschichte des Menschen spielten und spielen – von der Jungsteinzeit bis zur Landwirtschaft der Zukunft. Zentrale Ziele sind, ein Bewusstsein für den Verlust der Biodiversität zu schaffen und die Bedeutung alter Nutztierrassen für die extensive Landwirtschaft zu erklären. Das Bildungszentrum will so zum Verständnis beitragen, dass wir die vielfältigen Rassen wirklich brauchen und sie schützen müssen.