Studieren für die Waldwende

Seit Frühjahr 2021 fördert die Umweltstiftung Greenpeace die Entwicklung eines innovativen Studiengangs: „Sozialökologische Waldbewirtschaftung“ soll er heißen und Fachkräfte für die dringend nötige Waldwende hervorbringen. Im Mittelpunkt des Studiums steht das komplexe Ökosystem mit seinen vielfältigen Funktionen für die Natur und das Gemeinwohl.

Foto © istockphoto, Infografik: Naturwald Akademie gGmbH

Deutschlands Wälder stecken in der Krise. Bereits vier von fünf Bäumen zeigen alarmierende Kronenverlichtungen. Die Schadensbilanz der zurückliegenden Extremsommer 2018 bis 2020 hat deutlich gemacht, dass es in der Forstwirtschaft kein „Weiter so wie bisher“ geben darf. Insbesondere naturferne, stark übernutzte Nadelbaumplantagen, die deutschlandweit dominieren, sind mit den Folgen des Klimawandels wie langen Hitze- und Dürreperioden überfordert. Auch unser Zukunftswald Unterschönau in Thüringen, den wir im Herbst 2020 mit unserem Partner Bergwaldprojekt e.V. erworben haben, ist weit entfernt von einem „echten“ Wald. Inzwischen sind aber erste behutsame Schritte getan, damit sich die bisherige Fichtenmonokultur naturnah entwickeln und für die Zukunft wappnen kann.

Immer noch: Der Mensch „baut“ sich seinen Wald

Leider bilden nachhaltige Waldnutzungskonzepte, die das Ökosystem ganzheitlich in den Blick nehmen und natürliche Prozesse zulassen, noch die Ausnahme. Stattdessen sind viele Waldökosysteme durch gängige intensive Forstpraktiken inzwischen so labil, dass sie zu kollabieren drohen.

Doch ein Kurswechsel bleibt bisher aus, und der Aktionismus ist ungebrochen: So wurden viele Waldflächen, die den vergangenen Dürrejahren zum Opfer fielen, ausgeräumt und rasch wieder aufgeforstet – anstatt die Natur einfach mal machen zu lassen und ihr Zeit zu geben, sich von selbst zu regenerieren. Wälder sollen künftig „klimaresilient umgebaut“ werden, auch mit nicht-heimischen Arten, damit sie der Forstindustrie weiterhin maximalen Holzertrag liefern und die Nachfrage des Marktes bedienen. Solche Denk- und Handlungsmuster wurzeln auch in der traditionellen forstlichen Lehre.

Zeit für die Waldwende – und für akademisches Neuland

Für zukunftsfähige Wälder braucht es eine neue Generation von qualifizierten Waldmanager:innen, die den Wald nicht mehr primär als Holzlieferanten betrachten und nutzen. Höchste Zeit für eine alternative akademische Disziplin, vergleichbar etwa mit dem Studium der Ökologischen Landwirtschaft: Seit Frühjahr 2021 unterstützt die Umweltstiftung Greenpeace, gemeinsam mit der Stiftung Zukunft Jetzt!, die Entwicklung eines neuartigen Bachelorstudiengangs, der 2023 an den Start gehen soll, und zwar an der renommierten Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) in Brandenburg. „Sozialökologische Waldbewirtschaftung“ soll die neue Disziplin heißen und das bisherige waldbezogene Studienangebot sinnvoll ergänzen.

Initiatoren sind der Förster und Autor Peter Wohlleben, der Biologe Prof. Dr. Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der HNEE, und das Magazin „GEO“. Partnerakteur:innen aus Wissenschaft und Praxis sind in den Konzeptionsprozess eingebunden, auch die Waldexpertise von Greenpeace fließt in den innovativen Lehrplan ein.

Ökosystemleistungen wertschätzen und in Wert setzen

„Die späteren Absolvent:innen sollen in der Lage sein, Wälder so schonend und umsichtig zu bewirtschaften, dass diese auch in der rasch fortschreitenden Klimakrise möglichst funktionstüchtig bleiben können“, sagt Prof. Ibisch. Nur gesunde, stabile Ökosysteme mit möglichst großer Artenvielfalt seien in der Lage, sich an Umwelt- und Klimaveränderungen dynamisch anzupassen und ihre vielfältigen Funktionen auch weiterhin zu erfüllen, betont er.

Der Begriff sozialökologisch soll zum Ausdruck bringen, dass die Waldnutzung dem Wohlergehen des Menschen dient, sich dabei aber grundsätzlich an den Bedürfnissen des Ökosystems orientiert. Der Holzertrag soll und kann bei diesem Konzept des „ökologischen Primats“ nicht mehr im Fokus stehen. Das heißt aber auch, dass Waldbesitzende, die weniger Holz ernten und verkaufen, künftig anders honoriert werden müssten, um ihr Auskommen zu haben. Den Studiengangspionieren schwebt dazu eine ganz neue Form der Waldökonomie vor – eine „Waldökosystem-Ökonomie“.

Wälder erbringen für uns Menschen unverzichtbare Dienste: Sie binden CO2 und schenken uns Sauerstoff und saubere Luft zum Atmen, sie regulieren das lokale und regionale Klima, sie stabilisieren den Landschaftswasserhaushalt, verringern Überflutungsrisiken und einiges mehr. „Wie sich diese Ökosystemleistungen für unser Gemeinwohl angemessen bilanzieren lassen – und wie Waldbesitzende mit ihnen wirtschaften können, wird einen der Schwerpunkte in unserem Lehrplan bilden“, kündigt Prof. Ibisch an. Innovative unternehmerische Konzepte seien hier gefragt.

Analyse des Arbeitsmarkts

Christoph Nowicki, Leiter Entwicklung und Studiengangskoordination im HNEE-Fachbereich Wald und Umwelt, koordiniert alle Vorarbeiten. Zu diesen zählt neben der Ausarbeitung von Lehrplan und einer Studien- und Prüfungsordnung auch eine Analyse des Arbeitsmarkts und der Beschäftigungsmöglichkeiten für die Absolvent:innen. „Darüber spreche ich zum Beispiel mit Privat- und Kommunalwaldbesitzenden“, sagt Nowicki. „Einsatzbereiche könnten sich auch in Schutzgebieten und in solchen Wäldern finden, die vorrangig Zielen wie der Stabilisierung von Steilhängen oder der Wasserrückhaltung dienen.“ In klassischen Landesforstverwaltungen werden die Absolvent:innen wohl zunächst nicht unterkommen, vermutet der Studiengangskoordinator. Er und das weitere Team sind sich aber sicher: Die Nachfrage nach qualifiziert ökologisch wirtschaftenden Waldmanager:innen werde kontinuierlich zunehmen.

Lernort und Lehrmeister Wald

Zum Auftakt ist zunächst eine überschaubare Anzahl von 20 Studierenden pro Jahrgang geplant. Drei Stiftungsprofessuren werden für sie geschaffen. Eine Professur wird dabei die Umweltstiftung finanzieren – wir bleiben diesem zukunftsweisenden Pilotprojekt also längerfristig verbunden.

Ihre Fähigkeiten sollen die Studierenden praxisnah und vor allem „waldnah“ erwerben, auch in Kooperation mit Partnern wie Wohllebens Waldakademie und Greenpeace. Für Exkursionen und Feldforschung bietet sich idealerweise auch unser Zukunftswald Unterschönau an. „Wichtig ist uns, dass sich die Studierenden die Zeit nehmen können, den Wald mit allen Sinnen kennen zu lernen, ihn als lebenden Organismus und komplexes Ökosystem zu begreifen“, sagt Prof. Ibisch. „Das emotionale Erleben, Empathie – und ja, auch Demut sind Voraussetzungen dafür, dass wir Menschen den Wald respektvoll behandeln.“

Ob Digitalisierung, Energie- oder Waldwende, jede Transformation bringt neue Berufsbilder, Fähigkeiten und Kenntnisse hervor. Gefragt sind Lehrende und Lernende, die bereit sind, unbekanntes Terrain zu erforschen und neue Wege zu gehen. Das neue Waldstudium an der Hochschule Eberswalde stehe auch für eine besondere Form der Anwendung von Wissen – und Nicht-Wissen, so Prof. Ibisch: „Da Ökosysteme dynamisch sind, muss sich auch unser Umgang mit ihnen immer wieder ändern. Wir brauchen ein adaptives und ergebnisoffenes Waldmanagement“. Die Sozialökologische Waldbewirtschaftung sei ein Prozess, ein Suchen und Ringen, um einen guten Weg zu finden. Fest steht: Der Wald wird uns immer ein paar Astlängen voraus sein, er weiß am besten, was gut für ihn ist.