Im Schatten der Bomben: Gerechtigkeit für die Marshallinseln

Jahrzehnte nach den Atomwaffentests der USA kämpft ein Inselstaat im Pazifik noch immer um Anerkennung und Wiedergutmachung. Eine große internationale Greenpeace Kampagne bringt wissenschaftliche Erkenntnisse und die Stimmen der Menschen vor Ort zusammen – für Gerechtigkeit und Veränderung.

Die Rainbow Warrior wird auf den Marshallinseln empfangen. Im Vordergrund: Ariana Tibon Kilma, Vorsitzende der Nationalen Atomkommission. Foto © Bianca Vitale / Greenpeace

Türkisblaues Wasser, weiße Strände, bunte Riffe, Palmen im Wind: Die Republik Marshallinseln, gelegen zwischen Hawaii und Australien, wirkt auf den ersten Blick wie ein Südsee-Paradies. Doch der Schein trügt: Zwischen 1946 und 1958 benutzten die USA die Marshallinseln – das Enewetak- und das Bikini-Atoll – für insgesamt 67 Atomwaffentests. Die Gesamtsprengkraft der während dieser zwölf Jahre getesteten Bomben entsprach der Detonation einer Hiroshima-Bombe – jeden Tag.

Die Bewohner:innen der ringförmigen Koralleninseln wurden kurzerhand zwangsumgesiedelt oder aufgrund von Fehleinschätzungen, bewusster Vernachlässigung oder zur gezielten Beobachtung direkt den Folgen der Explosionen und Strahlung ausgesetzt. Die Atomwaffentests der USA verwüsteten die Atolle, kontaminierten Boden, Wasser und Nahrung und beraubten zahlreiche Menschen ihrer Heimat. Noch heute sind viele der betroffenen Gebiete unbewohnbar. Die gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Folgen belasten die Menschen auf den Marschallinseln bis heute, von Krebserkrankungen über Fehlbildungen bei Neugeborenen bis hin zu kulturellem Identitätsverlust.

Trotzdem wurden große Teile der Bevölkerung nie offiziell als geschädigt anerkannt. Eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Strahlenfolgen fehlt bis heute. Und obwohl internationale Gremien bereits 2012 umfassende Empfehlungen ausgesprochen haben – darunter der Aufbau einer eigenen radiologischen Infrastruktur und ein transparenter Zugang zu US-Archiven –, blieb die Umsetzung bislang weitgehend aus.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort

Hier setzt die von der Umweltstiftung Greenpeace geförderte Kampagne „Justice for Marshall Islands“ an. Im Schwerpunkt führt ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaft und Veterinärmedizin zusammen mit Greenpeace Expert:innen umfassende Untersuchungen zur radioaktiven Belastung der betroffenen Gebiete durch.

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen vor allem die Messungen von Radioaktivität in Boden, Wasser und Nahrungsmitteln. Auch Pflanzen und Tiere werden untersucht, um mögliche genetische Langzeitfolgen der Strahlenexposition zu erfassen und damit eine wissenschaftlich belastbare Grundlage für Forderungen nach gesundheitlicher Versorgung und Entschädigung zu schaffen. Die Analysen erfolgen dabei unter strengen ethischen Vorgaben und in enger Abstimmung mit den Behörden und Gemeinschaften vor Ort.

Stimmen, die gehört werden müssen

Die Rainbow Warrior III ist vor Ort im Einsatz und unterstützt die weit über die Inselgruppen verstreut lebenden Bewohner:innen der Marshallinseln dabei, sich zu vernetzen und gemeinsam ihre Schicksale medial und politisch sichtbar zu machen. Persönliche Erfahrungsberichte von Überlebenden und Verwandten der Testgeneration werden weltweit veröffentlicht, in Zusammenarbeit mit Journalist:innen, über soziale Medien und durch Auftritte bei internationalen Konferenzen. Diese Stimmen erzählen vom Alltag unter erhöhter Strahlenbelastung, von familiären Tragödien, aber auch vom Überlebenswillen und der kulturellen Resilienz der Menschen auf den Marshallinseln.

Greenpeace nutzt seine internationale Reichweite, um diese Geschichten mit aktuellen Debatten um Klimagerechtigkeit zu verbinden: Die Marshallinseln sind nicht nur Opfer vergangener Atompolitik, sondern auch heute akut vom steigenden Meeresspiegel in Folge der Klimakrise bedroht. Sie stehen exemplarisch für zahlreiche Regionen im Globalen Süden, in denen koloniale Ausbeutung und moderne Umweltzerstörung zusammenkommen. Die Kampagne fordert deshalb: Wer die Krise verursacht, muss zahlen – ob für atomare Altlasten oder für die Schäden durch die Klimakrise.

Eine Kampagne mit Geschichte – und Zukunft

Greenpeace knüpft damit an die eigene Geschichte an: 1985 hatte die Organisation mithilfe der ersten Rainbow Warrior das hoch kontaminierte Rongelap-Atoll evakuiert, nachdem die Bevölkerung um Hilfe gebeten hatte. Wenig später wurde das Schiff im Hafen von Auckland von französischen Geheimagenten mit Sprengsätzen versenkt, da auch Frankreich zu dieser Zeit Atomtests im Pazifik durchführte.

Heute, 40 Jahre später, bricht nun die Rainbow Warrior III Richtung Marshallinseln auf. An Bord: modernste wissenschaftliche Ausrüstung, ein engagiertes internationales Team und das erklärte Ziel, eine historische Ungerechtigkeit publik zu machen und politische Veränderung zu bewirken.

Mit unserer Förderung wird insbesondere die unabhängige wissenschaftliche Arbeit des Forschungsteams ermöglicht. Die erhobenen Daten sollen nicht nur helfen, die radiologische Belastung zu dokumentieren, sondern auch als Grundlage für internationale politische und rechtliche Initiativen dienen, etwa im Rahmen der Vereinten Nationen oder bei zukünftigen Klimaverhandlungen.

Gemeinsam erinnern, gemeinsam weiterkämpfen: Inselbewohner:innen von Mejetto und Crew-Mitglieder gedenken gemeinsam der Evakuierung vor 40 Jahren. © Greenpeace / Chewy C. Lin

Gleichzeitig zeigt diese Kampagne, wie Umwelt- und Menschenrechtsschutz Hand in Hand gehen können. „Justice for Marshall Islands“ setzt ein Zeichen für globale Solidarität, für wissenschaftlich fundierte Aufklärung – und dafür, dass auch marginalisierte Stimmen auf der großen Weltbühne gehört werden müssen.